ERLÄUTERUNG
SOZIALE DREIGLIEDERUNG


Die Dreigliederung des sozialen Organismus

1  Sozialer Organismus und Soziale Dreigliederung


Eine „menschliche“ Zukunft ist für uns nur denkbar auf der Basis der Sozial-Wissenschaft der so genannten „Sozialen Dreigliederung“, in der die universellen Menschheits-Ideale der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit angestrebt und verwirklicht werden.


Diese Sozialwissenschaft wurde während des 1. Weltkrieges und danach von Dr. Rudolf Steiner in ihren Grundlagen begründet. Sie wird seit 100 Jahren diskutiert, hat aber bislang wenig Einzug in die gesellschaftspolitische Diskussion gefunden.

Jetzt aber ist die Zeit da, wo wir uns dieser Wissenschaft zuwenden müssen für eine praktische Umsetzung, da sie den fundamentalen Lösungsansatz für unsere derzeitigen Weltkrisen liefert.

Hier soll eine kurze Darstellung der Wesensmerkmale und Inhalte dieser neuen Wissenschaft gegeben werden.

Es soll gleich zu Beginn angemerkt werden, dass es sich hier um ein neues Denken handelt, das sich grundlegend von allem heutigen „sozialwissenschaftlichen“ und politischen Denken unterscheidet, weil es ein „organisches Denken“ ist. Dies liegt darin begründet, dass wir es hier mit dem Thema eines „Organismus“ zu tun haben. Es braucht also ein gesellschaftspolitisches Denken, dass organisch-morphologisch ist wie das Denken eines Genies in diesem Bereich: Johann Wolfgang von Goethe, dem es gelungen ist, die morphologischen Gesetze der Pflanzenwelt zu erforschen und die „Urpflanze“ zu entdecken. Ein solches Denken in organischen Wandlungsprozessen (Morphologie) ist notwendig für diesen sozialwissenschaftlichen Ansatz. Was wir also lernen müssen ist ein neues Denken und darin sehen wir unsere Aufgabe, dieses in der Breite der Gesellschaft und in der fachlichen Tiefe zu fördern.

Ohne diesen Lösungsansatz, das ist nicht nur unsere feste Überzeugung, sondern wissenschaftliches Wissen, werden wir unsere Weltkrisen nicht lösen können!



2  Mensch, menschlich, Menschenwürde und Sozialer Organismus


Unter „menschlich“ verstehen wir „dem Menschen würdig“, also der Würde des Menschen gerecht werdend. Die Würde des Menschen ist in sich in unserem „Menschenbild“ dargelegt.

Diese Sozial-Wissenschaft geht von der fundamentalen Erkenntnis aus, dass die Menschheit ein Ganzes bildet, einen sozialen Organismus, ja Meta-Organismus, der auch die Dimension von Seele und Geist des Menschen einbezieht. Dies bedeutet, dass die Menschheit global auf drei Ebenen lebendig miteinander verbunden ist.

Dieses Ganze nennen wir auch die „Gesellschaft“, nicht den „Staat“! Der Staat ist nur ein Teil der Gesellschaft.

Diese drei Ebenen bilden das Rechtsleben ( kurz „Politik“), das Wirtschaftsleben (kurz „Wirtschaft“) und das Kultur- oder Geistesleben. In diesen drei Bereichen gibt es drei Werte, die in ihrer Verwirklichung die Gesundheit des Organismus, also „soziale Gesundheit“ der Menschheit bedeuten und in der Abweichung „soziale Krankheit“.

Diese drei Werte sind gewissermaßen Steuerungsgrößen und werden als Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit bezeichnet.

Jeder dieser drei Werte ist nur einem Bereich zugeordnet, die Freiheit dem Geistesleben, das Wissenschaft, Bildung, Erziehung, Kunst und Religion umfasst, die Gleichheit ausschließlich dem Rechtsleben – nur vor dem Gesetz sind die Menschen gleich und dort müssen sie gleich behandelt werden – und Brüderlichkeit, also menschenwürdige Einkommensteilhabe dem Wirtschaftsleben.


Jede andere Zuordnung, d. h. jeder Versuch, diese Werte in einem anderen Bereich zu leben, muss zu sozialen Schieflage, also Krankheiten führen, die wir vor allem als Kriege, auch Hungersnöte, Wirtschaftskriege, Wirtschaftsnot, soziale Unruhen, Schere zwischen Arm und Reich, Umweltzerstörung, usw. erleben, weil Übergriffe stattfinden. Dieses Prinzip kennen wir aus dem Organismus des menschlichen Körpers.


So wurde im Kommunismus u. a. die Gleichheit in der Wirtschaft angestrebt, was bekanntermaßen den Tod des sozialen Organismus zur Folge hatte.

Es wird im neoliberalen Kapitalismus die Freiheit der Wirtschaft zugeordnet, was wir derzeit ebenso als massive Krankheit des sozialen Organismus erleben mit den bekannten Weltkrisen. Hier wird das Prinzip der Freiheit zur wuchernden Krise, weil kein brüderlicher Ausgleich erfolgt.


Wir haben heute in der Welt die Realität des so genannten „Einheitsstaates“, in dem alles im Rechtsleben zentriert ist und eine ungesunde Steuerung durch die staatlichen Instanzen erfolgt. Extrem erleben wir das derzeit in der Korona-Krise, in der ein Staat die Wirtschaft durch Gesetze zerstören kann.

Extrem erleben wir das auch in der Bildung durch den politischen Einfluss der Staatsschulen und im Gesundheitswesen durch die politische Steuerung.

Die „Soziale Dreigliederung“ bedeutet eine echte Gliederung der Gesellschaft in drei autonome Instanzen mit einer Selbstverwaltung, in welcher der Staat nur eines der drei Glieder bildet.



3 Wirtschaftsleben


Das bedeutet, dass das Wirtschaftsleben - dieses besteht aus Produktion, Handel und Verbrauch, also aus Produzenten, Händlern und Konsumenten -, eine eigene autonome Kraft bilden muss, die für sich spricht in allen wirtschaftlichen Belangen und die dafür sorgt, dass die Politik keinerlei Einfluss auf wirtschaftliche Entscheidungen hat, wie es derzeit massiv geschieht. Auch der Staat als Wirtschaftsunternehmen selbst entfällt hier. Dadurch wird auch jeglicher Lobbyismus beendet. Die Wirtschaft muss hier eine Selbstverwaltung aufbauen, die aber von dem Prinzip der Brüderlichkeit geleitet wird.

Dieses Ziel streben wir mit unserer Initiative an und nennen es „Wirtschaftsrat“. Im Wirtschaftsrat treffen sich die drei Gruppierungen durch individuelle Vertreter, um eine einheitliche Stimme für das Interesse der Wirtschat als Ganzes zu bilden.

Die Wirtschaft hat sich in Wirtschaftsräten lokal und global zu organisieren, um unabhängig von politischem Einfluss in Bezug auf wirtschaftliche Entscheidungen letztlich auch weltwirtschaftlich die Aufgabe zu erfüllen, die materiellen Bedürfnisse der Menschen zu erfüllen. Mit einem Wirtschaftsrat, der als eigenständige Korporation neben der staatlichen Organisation steht, entfallen jegliche Einflüsse wie die staatliche Förderung neuer Technologien und staatliche Subventionierung jeglicher wirtschaftlicher Bereiche. Die Wirtschaft wäre ein gleichwertiger Partner dem Staat gegenüber, quasi wie eine eigene „Wirtschaftsregierung“. Eine Einflussnahme wie derzeit in der Koronakrise wäre hier undenkbar. Die Wirtschaft würde hier mitentscheiden in Bezug auf alle wirtschaftliche Belange. Niemals könnte die Politik über ein Herunterfahren der Wirtschaft entscheiden, die letztlich die Überlebens-Basis des Staates darstellt. Niemals wäre es hier möglich, dass der Staat Unternehmen in die Pleite führt und zudem die Gesellschaft mit Schulden überhäuft, die dann von der Wirtschaft, die von der Politik zerstört wurde, aufgebracht werden müssen. Diese Handlungen zeigen deutlich eine massive soziale Krankheit, die durch den Einheitsstaat erzeugt wurde. Daher  ist es dringend erforderlich, dass sich die Wirtschaft selbst organisiert und eigenständige Wirtschaftsräte etabliert. Im Detail kann das nicht für eine Verwirklichung angegeben werden, sondern muss aus einem lebendigen Verstehen der zugrunde liegenden sozialen „Natur-Gesetze“, um sie so zu nennen, aus der Wirtschaft heraus erfolgen.

Wirtschaftsräte bestehen grundsätzlich aus allen Beteiligten der Wirtschaft, den Produzenten, dem Handel und den Verbrauchern. Wirtschaftsräte müssen also als Zusammenschüsse von Industrieverbänden, Handelsverbänden und Verbraucherverbänden verstanden werden. Auch die Gewerkschaften sind hier einbezogen, wobei die Spaltung zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern aufgehoben werden, weil in der Sozialen Dreigliederung alle Arbeitnehmer als Unternehmer, also Mitproduzenten, aufgefasst werden, die damit auch unternehmerisch am Erfolg beteiligt sind. Wir fassen in unserer Initiative dies unter dem Projekt „Kraftwerk Wirtschaft“ zusammen, das als Ziel die brüderlich menschenwürdige Verteilung von Einkommen hat.



4  Geistesleben


Das zweite große Ziel, das für uns aber im Mittelpunkt steht, ist die Freiheit im Geistesleben. Dieses bedeutet, dass auch das Geistesleben sich in einer Selbstverwaltung organisiert und alle Bildungseinrichtungen aus staatlicher Verwaltung herauslöst. Staatsschulen kann es in einem gesunden Organismus nicht geben, sie werden immer soziale Krankheiten erzeugen. Das ist heute deutlich erkennbar. Ebenso können Universitäten nicht Körperschaften des Öffentlichen Rechtes sein, deren Finanzierung und vor allem inhaltliche Steuerung in irgendeiner Form vom Staat beeinflusst ist. Die Freiheit von Schulen, Forschung und Wissenschaft ist hier das große Ziel und das bedeutet Freiheit des einzelnen Individuums, wie z. Z. der Pädagogen und Pädagoginnen. Es gehört auch die Freiheit der Ärzte und Therapeuten, sowie die der Patienten dazu. Ein Gesundheitswesen, das wie heute staatlich gelenkt wird, bedeutet eine soziale Krankheit, wie wir es heute auch erleben. Wir fassen in unserer Initiative dies unter dem Projekt „Kraftwerk Freiheit“ zusammen, das als Ziel die individuelle menschliche Freiheit im Geistesleben hat. 



5  Rechtsleben


Das dritte große Ziel ist eine echte Demokratie innerhalb des Rechtwesen selbst, also die Verwirklichung der Gleichheit, die nur gegenüber dem Gesetz gelten kann und nicht in der Wirtschaft und nicht im Geistesleben. Wir fassen in unserer Initiative dies unter dem Projekt „Kraftwerk Politik“ zusammen.



6 Das organische Miteinander und Füreinander


Die drei „Organsysteme“ sind lebendig und in Wechselwirkung miteinander verknüpft, obwohl jeweils in ihren eigenen Systemen autonom. Das Analogie-Beispiel dafür ist der menschliche Organismus mit den drei autonomen Systemen des Stoffwechsels, des Nervensystems und des Herz/Lunge-System als „Rhythmus-System“. Übergriffe von einem System ins andere erzeugen Krankheiten, z. b. der Stoffwechsel übergreifend ins Nervensystem erzeugt Migräne.


Das Stoffwechselsystem ist auch das Ernährungssystem. Damit bildet es die Grundlage für die beiden anderen. Nerven müssen mit Stoffen versorgt werden, damit der Mensch denken, also sein Geistesleben betätigen kann.

Nervensystem - „Kopf“

Nahrungs-/Stoffwechselsystem - „Bauch“

Im Sozialen Organismus gibt es eine analoge Nahrungsgrundlage. Wir müssen uns dazu fragen: Was versorgt die Wirtschaft gewissermaßen aus dem „Wurzelwerk“ mit Nährstoffen? Was sind die Nahrungsstoffe, was braucht die Wirtschaft, damit sie wirken kann, also produzieren in erster Linie? Es sind die Ideen und Fähigkeiten der Menschen! Es ist damit das Geistesleben!

Wirtschaftsleben - „Kopf“

Geistesleben - Nahrungs-/Stoffwechselsystem - „Bauch“

Es ist also nicht die Wirtschaft (Sein), die den Geist (Bewusstsein) bestimmt, sondern genau umgekehrt. Das Geistesleben befruchtet, nährt und bestimmt das Wirtschaftsleben.

Dies ist eine erste kleine Lektion für uns zu einem „organischen“ Verstehen der Gesellschaft.


Unsere Empfehlungen zur weiteren Vertiefung

Grundfragen der

sozialen Dreigliederung

[GA 23] Die Kernpunkte

der sozialen Frage

Kleines

Dreigliederungslexikon